Dienstag, 24. Mai 2016
Krise als Identitätssurrogat
Strenge Hierarchien, autokratische Systeme, auch Teilsysteme, haben etwas Verlockendes; man ist nicht nur unterdrückt, man bekommt eine Macht oder wenigstens die Aussicht auf Macht. Man identifiziert sich vorzugsweise mit dem totalitären Herrscher, kaum mit den einzelnen individuellen Elementen.
Dabei bleibt die Frage offen, weshalb auch viele eine Krisenlust empfinden, für die absolut nichts dabei zu holen ist. Einfacher gefragt: Worauf freut sich Katrin Göring-Eckardt und wieso kann sie manche mit ihrer Freude anstecken?

Die Antwort mag in der infantilen Persönlichkeitsstruktur liegen. Im Reifeprozess kommt das Kind an die Stufe, wo es an die von den Eltern eingenommene Position treten möchte, aber noch nicht kann, denn die sind noch da. Weil wir zivilisiert sind, werden die Eltern nicht nach archaischer Art behandelt, sondern einfach als peinlich empfunden, man setzt sich mit ihnen auseinander oder macht etwas völlig anderes.
Eltern sind hier die Identifikationsfiguren. An deren Stelle kann die Gesellschaft insgesamt treten, genauer gesagt das Bild von ihr, dies umso stärker, je weniger die eigenen echten Eltern präsente Figuren sind, an denen es sich abzuarbeiten lohnt, und je geringer entwickelt die eigene Selbstachtung ist.

Eine Krise oder eine revolutionäre Situation, von der man sich verspricht, sie werde „die Gesellschaft durchrütteln“, ist der Ersatz für die archaische Beseitigung der Elterngeneration.
Real ist damit nichts gewonnen, nur emotional und illusorisch ergibt sich aus der Identifikation mit dem Trugbild ein Anschein von Selbstwertgefühl.
Ersetzt wird gleichfalls die Auseinandersetzung, auch die mit sich selbst. Man kann im Infantilitätsmodus verharren und bekommt eine vorgetäuschte Identität.

Das ist sehr vorteilhaft für defizitäre Persönlichkeiten. Man weiß noch immer nicht, wer man ist, viel gäbe es dazu auch nicht zu erfahren, aber man kann sich bestätigt fühlen.
Wenn sich dieses Gefühl nicht dauerhaft aufrechterhalten lässt, entsteht das Bedürfnis nach hierarchischer Struktur, nach totalitärer Macht.

Wie wir sehen, bleibt es nicht beim Bedürfnis.

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Montag, 23. Mai 2016
Ruck-Sicht
Diez im Spiegel erinnert sich:
„Bürgertum und Rechtsruck
Sie taten liberal
Der Mittelstand sah dem Aufstieg Hitlers tatenlos zu - heute geifern die Rechten wieder. Und das Bürgertum? Schweigt und versagt abermals.“

Selten, dass man sich beim Spiegel um den Mittelstand kümmert, aber zum Versagenvorwerfen reicht es dann doch.

Ja, wie kommt’s?
Die Wirklichkeit entfernt sich immer weiter von journalistischen Kategorien.
Nicht einmal eine Erklärung, die sich aus dem ideologischen Muster ergeben könnte, wird noch zugelassen – man könnte ja auf die Idee kommen zu fragen: Haben wir zu viel Toleranz konditioniert, haben wir uns zu sehr eingehegt und ausgedünnt, als dass wir den schlimmen Rechtspopulisten etwas entgegenhalten könnten? Also jetzt nicht wir, sondern unsere Leser.

Das wäre zwar blöd, aber logisch.

Man belässt es bei der Traumarbeit. Eigentlich müsste man den Gedanken behandeln, ob das Bürgertum dem islamistischen Faschismus etwas entgegensetzen könne beziehungsweise warum nicht.

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Sonntag, 22. Mai 2016
Heilfrohsinn
Wenn Lammert es dabei belassen hätte zu sagen, er fühle sich auch nach den jüngsten Entwicklungen in Österreich sehr in seiner Zurückhaltung bestätigt, was die vermeintliche Überlegenheit plebiszitärer Wahlverfahren gegenüber repräsentativen Verfahren betreffe, hätte man ihn als Verfechter des Parlamentarismus, der repräsentativen Demokratie, angesehen. Ja, das Volk arbeitet nicht in den Ausschüssen und schließt keine Kompromisse, die Abgeordneten handeln Details aus. Schön.
Aber er musste noch nachschieben: „Oder mit anderen Worten: Ich bin heilfroh, dass wir in Deutschland den Bundespräsidenten in einer eigens zu diesem Zweck zusammengerufenen Bundesversammlung wählen und nicht in einer Direktwahl.“
Was hier erschrecken sollte, ist nicht die Anmaßung der Überlegenheit, sondern die Ungeniertheit, mit der sie zur Schau gestellt wird. Die Bundesversammlung entspricht, so hat es Lammert in seiner Rede zur letzten Bundespräsidentenwahl ausgeführt, den aktuellen Mehrheitsverhältnissen, die Legitimität ist damit begründet. Aber ein Grund, heilfroh zu sein, dass das Volk nicht selbst zur Wahl schreitet, heißt, es ist zu doof, seinen obersten Repräsentanten zu wählen.
Das kann man so sehen, dann ist aber der ganze Bundestag von Doofen gewählt und der Bundestagspräsident zwar von den Besseren, die aber ihrerseits nur ein Mandat von den Doofen haben.
Damit scheint er kein Problem zu haben.
Die Probleme gehen dann los, wenn die demokratisch legitimierten Herrscher den Doofen nicht genug das Gefühl geben, einbezogen zu sein, und andere sich anschicken, sich durch die Doofen wählen zu lassen.
Mit so einer Haltung könnte Lammert die Zeit, in der er noch heilfroh ist, stark begrenzen.

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Samstag, 21. Mai 2016
Reklame
Der selbsternannte Cartoonist Bernd Zeller springt auf den Zug des Pressehassens auf und will mit überzogenen Darstellungen unserer Journalisten die dumpfen Gefühle der Masse ansprechen, um ein spaltendes Buch zu verkaufen. Unter dem Deckmäntelchen der Satire pickt sich Zeller krasse Fälle von Selbstüberschätzung und Milieublindheit heraus und verabsolutiert seine Vorbehalte ohne Rücksicht auf Fairness und Ausgewogenheit. Die Bilder sind viel fieser, als sie aussehen. Da werden sich Erdogan und die anderen Pressefreiheitsfeinde die Hände reiben.
Der Verleger warnt vor diesem Buch als nicht hilfreich.

PRESSESHOW
So sind nicht alle Journalisten
http://solibro.de/Presseshow
Hardcover 16 Euro, e-Book aber nur fünf.

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Freitag, 20. Mai 2016
Wehrloserziehung
Deutsche Männer können sich nicht mehr prügeln, hat ein Forscher herausgefunden und an der Kölner Silvesternacht empirisch bewiesen.

Die wichtigere Erkenntnis wäre, dass sie es wieder müssen.

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Donnerstag, 19. Mai 2016
Löbliches über die Presse
Man soll nicht immer nur die Abscheulichkeiten in der Presse erwähnen, sondern auch das Lobenswerte.
Wenn man den Teil zu Glyphosat in der Presseschau http://www.deutschlandfunk.de/aktuelle-presseschau.354.de.html betrachtet, fällt auf, dass sachlich, differenziert und problembewusst geschrieben wird, für unsere Verhältnisse. Das ist doch mal zu würdigen.

Es hätte ja auch geschrieben werden können, die Parteien schürten dumpfe Ängste über Angelegenheiten, von denen die Bürger gar keine Ahnung haben können. Die Abgehängten sehnten sich nach einer Zeit vor der chemischen Unkrautvernichtung. Wer sich in das Entscheidungsverfahren einmische, habe die repräsentative Demokratie nicht verstanden. Verschwörungstheoretiker seien am Werk.

Wäre durchaus zu erwarten gewesen, aber unsere Presse kann eben auch anders.

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