Samstag, 24. Juni 2017
Sozialtragik
Ein bisschen schade ist es um die SPD schon. Der Schulz-Effekt ist der, dass man sie nun in aller Deutlichkeit sieht.
Die Tragik einer sozialistischen/sozialdemokratischen Kraft ist, dass sie als Opposition, als Korrektiv, unschätzbare Dienste leistet, aber als Inhaber von Macht nur Schaden anrichtet. Gut, vielleicht nicht nur; es wäre nicht alles schlecht. Aber nur Schaden wird angerichtet mit den Bestrebungen, Macht zu erlangen und zu erhalten.
Gibt es einen Kaiser oder eine andere Form verfestigter Herrschaft, dient es dem Gemeinwohl, wenn ein Parlament die Macht bindet und kontrolliert und wenn dabei Interessen vertreten werden, die nicht mit denen der Oberen identisch sind. Gibt es aber keinen Kaiser, sondern die Macht der Sozialisten, wäre eine Opposition nur, tatsächlich oder vermeintlich, das Rückwärtsgewandte, das Restaurative, oder eben die noch radikalere sozialistischere. Eine freiheitliche Kraft hätte nämlich auch nur vorläufig die Vorstellung von Freiheit zu bieten und wird auf ideologischem Gebiet immer geschlagen.
Das ist dann aber nicht mehr die Tragik der Sozialdemokratie, sondern des Landes.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Freitag, 23. Juni 2017
Gewinnertypen
Zu Kommunismuszeiten gab es Reformkommunisten, glaubwürdige und wahrhaftige, sie nannten sich aber nicht Reformkommunisten, sondern Kommunisten. Aus ihrer Sicht waren sie die richtigen Kommunisten, und sie hätten sich auch gar nicht anders darstellen können, dürfen oder wollen. Spaltung und Plattformbildung waren den Kommunisten verboten.
Ist mit Islam ähnlich. Es gibt zwar die Spaltung in Hinblick auf die Nachfolge des Propheten, aber ansonsten nur die jeweils einzige Auslegung. Das sehen die Reformmuslime selbst genauso, sie wähnen sich nur als die wahren Echten und gar nicht als Reformatoren, sondern als die, die nun die richtige Auslegung des Islam vornehmen.
Und das ist der Grund für die Reformunfähigkeit von Kommunismus und Islam. Die Reform müsste als Machtübernahme beginnen, etwa wie mit Gorbi, das ergibt eine Reformierung zum Ende hin, oder es gewinnen gleich die Gewalttätigeren und Rücksichtsloseren. Das ist, was wir mit dem Euroislam erleben. Wir haben immerhin die Gabe, uns gleich auf die Seite der Gewinner zu schlagen.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Donnerstag, 22. Juni 2017
Zwei Powerfrauen, eine mit Erfolg
Focus.de schreibt über zwei engagierte Powerfrauen, die einen liberalen Islam zeigen wollen: "Zwei engagierte Powerfrauen: Warum sind diese zwei engagierten Powerfrauen an ihren Glaubensbrüdern und –schwestern gescheitert? Hätten sie das nicht ahnen, gar wissen müssen, dass diese beiden Projekte an den Muslimen selbst scheitern? Sie haben es gewusst. Aber sie haben es trotzdem probiert, weil sie Überzeugungstäterinnen sind. Wer festgefahrene Strukturen verändern möchte, muss langen Atem haben und gegen Windmühlen kämpfen. Eine monoethische Religion ist auch nicht von heute auf morgen zu reformieren. In Deutschland ist diese Reform erst recht schwer, weil die muslimische Gemeinde in Deutschland einerseits sehr heterogen und andererseits sehr konservativ ist.“

Zur Hälfte stimmt das auch. So ein Quatschsatz, dass die Gemeinde einerseits heterogen und andererseits konservativ sei, lässt sich aufgrund des absurd widersprüchlichen Gehalts nicht einmal widerlegen.

Aber das Taqyyapresse-Ding ist, dass der wesentliche Unterschied zwischen beiden Powerfrauen überstrichen wird: Seyran Ates macht sich daran, eine Reform vorzunehmen, Lamya Kaddor spiegelt uns vor, es gäbe die islamische Liberalität bereits. Seyran Ates hat als Anwältin unter persönlichem Risiko türkische Frauen vertreten, gegen deren Männer und Familien, bis sie gezwungen war aufzuhören, ohne eine Solidaritätsbemerkung seitens ihrer Partei, der SPD, bekommen zu haben. Kaddor verkauft uns das Bild, das wir haben wollen – das in WDR-Sprech keine handwerklichen Mängel hat.
Die Erfolgreichere wird Kaddor sein.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 21. Juni 2017
Von uns aus gesehen gültig
Wer bei Seyran Ates in der liberalislamischen Moschee betet, dessen Gebet ist ungültig, hat das ägyptische Fatwah-Gericht entschieden.
Wir Weltbürger können uns überhaupt nichts unter einem gültigen Gebet vorstellen, deshalb entgeht uns die Lächerlichkeit, dass ein Gebet ungültig sein könnte. Wenn es sich in Formalien erschöpft, dann ja, dann führen Formfehler wie die Anwesenheit von Frauen oder Kamelen zur Nichtigkeit. Und das ist dann auch schon der wahre Islam. Es gibt keine spirituelle Haltung, ein innerer Bezug zu einem als göttlich verstandenen Gegenüber. Im Islam geht es darum, den Menschen aufs Moslemsein zu reduzieren. Eine liberale Auslegung dieser Reduktion wäre dann keine Aggressivität gegen uns und braucht uns daher nicht zu interessieren, hier ist der Fall für die Religionsfreiheit und die gebotene Toleranz.
Aber die Toleranz von unserer Gutmenscherei geht so: Na, so schlimm wird das schon nicht sein, das Gebet wird doch seine Gültigkeit behalten.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Dienstag, 20. Juni 2017
Für mehr
Wenn Martin Schulz mit dem Thema Gerechtigkeit herauskommen möchte, ist das schon albern genug, aber wenn der Slogan dann auch noch heißt: „Zeit für mehr Gerechtigkeit“, macht das nur fassungslos darüber, für wie bescheuert man gehalten wird oder wie bekloppt die selbst sein müssen. Wollen die nicht gleich mehr Zeit versprechen? Das wäre noch packender. Zeit kann man immer gebrauchen. Mehr Zeit für Gerechtigkeit vielleicht. Oder Mehr Zeit für mehr Gerechtigkeit. Man möchte nicht einmal mehr „wagen“, sondern „mehr Zeit dafür“. Irgendjemand hat ihnen erklärt, „mehr“ und „für“ seien so positiv besetzt, dass sich alle angesprochen fühlen, und gegen Gerechtigkeit kann keiner was haben.
Mehr Schulz für SPD.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Montag, 19. Juni 2017
Fake Fiction
Das Faken von News kann durchaus originell gestaltet werden.
Im Online-Tagesspiegel gibt es diese Meldung:
„Ein Plädoyer für eine Hinrichtung
Der Parteichef der Nationalen Alternative steckt hinter Anschlägen auf Flüchtlingsheime und anderen rechten Gewalttaten. Doch nachweisen kann man Joachim Freypen nichts. Ein Mörder bietet seine Dienste an.“

Moment, ist das überhaupt eine Meldung?
Nein, das ist Fiktion: „In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als  Fortsetzungsroman  im Tagesspiegel. Hier Folge 4 vom 19. Juni.“
Das erfährt man aber erst beim Aufklicken. Zuvor bei Durchrollen muss man wissen, dass die Rubrik "Und befreie uns von allen Üblen" #4 den Krimi bedeutet. Wenn man es nicht weiß, hat man inmitten der anderen Meldungen dies gelesen und ist informiert, was heute heißt: eingestimmt.
Also liegt die Fake-News im Auge des Betrachters. Die Presse ist fein heraus.
Am besten vergegenwärtigt man sich, dass man Tagesspiegel liest.
Der Krimi zeigt, was für Nachrichten die Journalisten gern recherchieren würden und wie sie sich die Welt vorstellen. Notfalls wird ein Krimi verfasst.

... link (1 Kommentar)   ... comment